Von der Schürze zur Zapfsäule: Was die Gastronomie und die Tankstelle verbindet
35 Jahre als Kellner und Bestellverantwortlicher in der Gastronomie, gefolgt von 8 Jahren an der Tankstelle. Ein persönlicher Vergleich zweier Welten, die sich in den letzten Jahrzehnten radikal verändert haben.
Wer glaubt, dass die Gastronomie und das Tankstellengeschäft nichts miteinander zu tun haben, der irrt gewaltig. Nach 35 Jahren im Service – viele davon auch eigenverantwortlich für den Einkauf und Bestellungen – und meinen anschließenden Jahren an der Tankstelle sehe ich jeden Tag: Die Probleme, der Wandel und die Kunden sind in beiden Branchen absolut identisch.
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1. Der Wandel beim Bestellen: Vom Bauchgefühl zur Daten-Diktatur
Früher hatte man als Bestellverantwortlicher im Restaurant den Betrieb im Blut. Man kannte seine Stammgäste, schaute auf den Wetterbericht und wusste genau: „Es wird ein heißes Wochenende, wir brauchen drei Kisten Weizenbier und mehr Fleisch mehr.“ Die Bestellung lief persönlich, per Telefon oder Fax mit dem vertrauten Lieferanten.
Heute ist dieser menschliche Faktor fast komplett verschwunden – sowohl in der Gastro als auch an der Tankstelle. Alles wird von starren Warenwirtschaftssystemen (ERP) und Algorithmen diktiert. Computer berechnen Mindestbestände. Wenn das System einen Fehler macht oder ein Produkt nicht lieferbar ist, steht man vor dem Kunden und muss den Mangel erklären, obwohl man selbst alles richtig gemacht hat.
2. Das „Apotheken-Prinzip“: Warum das Produkt im Service mehr kostet
An der Tankstelle beschweren sich Kunden über den Preis für ein Eis oder ein Red Bull. Im Restaurant beschweren sie sich über den Preis für ein Mineralwasser oder ein Schnitzel. Das Prinzip dahinter ist jedoch genau dasselbe:
- Die Verdienstkette: Bevor der Gast sein Schnitzel auf dem Teller hat oder der Autofahrer sein Eis in der Hand hält, haben bereits der Hersteller, der Großhändler und der Staat (über die Steuern) kräftig mitverdient.
- Die Fixkosten: Ein Gastronom oder ein Tankstellenpächter hat immense Kosten für Personal, Pacht, Versicherung und vor allem Energie (Kühlung, Küche, Licht). Diese Kosten müssen auf die Produkte umgelegt werden. Ein Vergleich mit den Preisen im Lidl-Regal gegenüber hinkt einfach gewaltig.
3. Der Preis der Bequemlichkeit (Convenience & Erlebnis)
Niemand geht ins Restaurant, nur weil er Hunger hat – kochen könnte er daheim im Supermarkt-Vergleich viel billiger. Der Gast zahlt für das Erlebnis, das Ambiente und den Luxus, nicht selbst abwaschen zu müssen.
Genau das gleiche Phänomen erleben wir an der Tankstelle: Der Kunde zahlt für die Bequemlichkeit. Er will nicht auf dem großen Supermarkt-Parkplatz suchen und sich an der langen Discounter-Schlange anstellen. Er zahlt an der Tankstelle den Aufpreis dafür, dass er sofort parken, schnell reingehen und nach zwei Minuten wieder auf der Straße sein kann. Zeit und Komfort sind heute eine eigene Währung.
4. Der Mitarbeiter an der Front: Der ewige Blitzableiter
In meinen 35 Jahren als Kellner war es ein Klassiker: Wenn das Fleisch in der Küche zäh gebraten wurde oder die Küche überlastet war, bekam es der Kellner am Tisch ab. Dabei hat der Kellner das Fleisch weder eingekauft noch gekocht.
An der Tankstelle ist es haargenau dasselbe. Wenn die Spritpreise steigen (die vom Ölkonzern diktiert werden) oder eine Zapfsäule streikt, wird die Servicekraft an der Kasse beschimpft. In beiden Berufen steht man an vorderster Front für Dinge gerade, auf die man absolut keinen Einfluss hat. Man ist der Sündenbock für das gesamte System.
Fazit: Der Service hat sich verändert, der Kern bleibt
In all den Jahren hat sich die Technik weiterentwickelt, die Preise sind durch die Inflation gestiegen und die Kunden sind durch den Alltagsstress oft ungeduldiger geworden. Doch eins zeigt mir meine Erfahrung aus beiden Welten: Wer im Service arbeitet – egal ob mit dem Tablett in der Hand oder hinter dem Tankstellentresen –, braucht ein dickes Fell, echte Menschenkenntnis und den Respekt vor den eigenen Regeln, die uns im Alltag schützen.![]()